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Die Chance ein Leben zu retten

Ein Tagebuch von Anja Miller – Knochenmarkspenderin beim NKR

Im Frühjahr 2014 erhielt ich einen Anruf vom NKR. Mir wurde mitgeteilt, dass ich eventuell (zu 80 %) als Spender für einen Patienten in Frage komme. Aufgrund meiner autoimmunen Schilddrüsenerkrankung, die zur Zeit der Registrierung noch nicht bekannt war, konnte bei mir nur eine Knochenmarkentnahme aus dem Beckenknochen unter Vollnarkose durchgeführt werden. Ich wurde über den Ablauf und alles andere bereits beim ersten Telefonat wunderbar aufgeklärt. Meine Fragen bezüglich Risiken konnten mir auch sofort und klar beantwortet werden. Ich bekam noch Bedenkzeit, auch mit meiner Familie zu reden und gemeinsam zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Ich brauchte nicht viel Bedenkzeit, nur die Rückmeldung meiner Familie war mir wichtig. Alle bestärkten mich in der Entscheidung, es durchführen zu lassen und damit war klar: ICH MACHE ES!

Freunde und Kollegen, die davon erfuhren fanden es auch großartig und je mehr Feedback ich bekam, desto stärker wurde ich in meiner Entscheidung. Natürlich gab es auch den ein oder anderen der Angst oder Sorge hatte, doch das beeinträchtigte mich überhaupt gar nicht, im Gegenteil. Ich versuchte gerade diese Menschen zu überzeugen, dass es das Richtige ist.

Ich bekam wenige Tage nach meiner Zusage ein Päckchen zugeschickt, ging damit zum Hausarzt, um in der Praxis Blut abgenommen zu bekommen. Das Päckchen schickte ich dann zurück an das NKR. Ein paar Wochen darauf erhielt ich den Anruf, dass ich zu 100 % als Spender passe. Es wurde ein Termin in der MHH festgelegt, an dem ich einmal komplett untersucht werden sollte, ob ich gesund bin und ob die Entnahme somit durchgeführt werden kann.

Der Tag war spannend und anstrengend zugleich. In der MHH musste ich an dem Tag einige Stationen abklappern. Vom Röntgen über Lungenfunktionstest, Blutentnahme, Eigenblutspende, ich kann gar nicht sagen, wie viel Blut ich an diesem Tag entnommen bekommen habe, aber es war einiges. Bei der ganzen Anstrengung dachte ich mir nur immer, was ein Krebspatient immer alles durchmachen muss!? Und ich „jammere“ wegen einem einzigen anstrengenden Tag!? Nein, ich halte durch und das habe ich auch. Glücklicherweise war/bin ich kerngesund, sodass der Entnahme nichts mehr im Wege stand.

Und dann….

…stand leider doch etwas im Wege….

Ich erhielt noch in der MHH einen Fragebogen auf dem unter anderen die Frage stand: Haben Sie sich in den letzten 24 Monaten tätowieren lassen? JA, vor sechs Monaten sogar erst. Den Fragebogen bin ich dann noch mit einer Ärztin durchgegangen, da dieser auf einem spezifischen Fachenglisch war. Sie erzählte mir, dass der Patient aus Amerika kommt und die Auflagen dort für eine Knochenmarkspende etwas anders sind, als in Deutschland. In Deutschland darf die Tätowierung minimal 2-3 Monate her sein, um eine Infektion ausschließen zu können, die Amerikaner sehen das Ganze etwas anders. Deshalb musste ich wieder ein paar Wochen warten, bis die Rückmeldung aus Amerika endlich da war. Es wurde geschaut, ob weitere Spender in Frage kommen oder es eine andere Möglichkeit gab. In der ganzen Zwischenzeit der Warterei war ich mir nicht sicher, bist du erleichtert wenn du es nicht machen musst oder bist du traurig, wenn du es nicht mehr machen darfst!? Natürlich stand auch für mich immer im Mittelpunkt, dass der Patient gesund wird, mit den besten Mitteln bzw. mit den Stammzellen vom besten Spender. Ich wollte es so gerne machen!

Ich sollte es machen. Als der Anruf kam, war ich wirklich erleichtert und freute mich sehr über die Möglichkeit.

Ich bekam in der MHH ein Einzelzimmer, was nicht immer selbstverständlich ist. Am Tag vor der Entnahme war in mir ein Gefühlschaos ausgebrochen. Dieses Chaos bestärkte mich aber immer wieder das Richtige zu tun. Es mag komisch klingen, aber je länger ich an diesem Tag durch das Krankenhaus und durch den Park spazierte, desto mehr bestärkte es mich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und meine Angst vor dem Eingriff verschwand. Die Aufregung blieb, aber das ist ja normal. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen im Rollstuhl mit Schläuchen und mehreren Instrumenten. Als ich dies sah, konnte ich meinen Gefühlen nicht länger Stand halten, mir liefen die Tränen übers Gesicht und ich weinte… Natürlich war ich sehr traurig, diesen armen kleinen Jungen zu sehen und dennoch bestärkte es mich wieder mal.

Die Entnahme verlief komplikationslos. Zwei Einstiche reichten völlig aus um genügend Knochenmark von mir zu bekommen. Alle waren so nett und kümmerten sich rührend um mich. Am Tag zuvor kam der Chefarzt sogar höchstpersönlich vorbei und schüttelte mir die Hand. Ich fühlte mich dabei schon komisch, weil das einem irgendwie noch nicht so bewusst ist, was man da gerade eigentlich tut.

Als ich im Aufwachraum wach wurde, bekam ich sofort ein paar Kekse, Kaffee und Wasser. Ich fühlte mich super. Die von allen richtig beschriebenen Druckschmerzen an den Einstichen spürte ich erst in den nächsten Tagen. Die waren aber überhaupt nicht schlimm, wie eine Art Muskelkater und blaue Flecken. Nachdem wir die Pflaster von den Einstichen zuhause entfernten, sah man überhaupt gar nichts mehr davon. Es bleiben also kaum ersichtliche, bis gar keine Narben zurück. Und selbst wenn, dachte ich mir vorab, dann ist es wie meine Tätowierungen… Alle erzählen eine Geschichte, so auch diese Narben.

Es muss einfach jedem bewusst gemacht werden, dass es sich hier um eine selbstlose und im besten Falle lebensrettende Maßnahme handelt, die einem selber auch das Leben positiv verändern kann. Es ist einfach ein großartiges Gefühl!!! In den nächsten Monaten dachte ich jeden Tag an den Patienten, wie es ihm geht, ob er es schafft!? Drei Monate sollte ich warten. Drei Monate dauert es ca. bis man sagen kann, ob es geholfen hat oder nicht. Ich rief Ende August beim NKR an, um nachzufragen. Leider hatten sie noch keine Antwort aus Amerika vorliegen. Vier Wochen später versuchte ich es erneut. Wieder leider keine Antwort. Das NKR bleibt da aber dran, weil sie es wichtig finden, dass der Spender informiert wird. Ich sollte es in vier Wochen wieder versuchen. Am 06. November, einen Tag nach meinem Geburtstag, erhielt ich ein nachträgliches Geschenk per E-Mail. Dem Patienten ginge es gut wurde mir vom NKR mitgeteilt. Diese Nachricht war das schönste Geschenk, was ich bekommen konnte. Ich rief alle an, informierte jeden telefonisch, per Mail, per Whatsapp, bei facebook….Alle freuten sich mit mir.

In der ganzen Zeit erhielt ich einen tollen Rückhalt durch meine Familie. Meinem Papa möchte ich besonders danken, denn er hat mich von Anfang an begleitet. Er war selbst jahrelang registriert und er hätte gerne einmal die Möglichkeit bekommen, jemandem das Leben zu retten. Doch dass er nie zum Einsatz kam, hat ja auch etwas Gutes… Sein genetischer Zwilling war nicht krank.

Natürlich würde ich mich freuen, den Patienten nach der 2-jährigen Auskunftssperre mal kennenlernen zu dürfen, wenn das aber nicht passieren sollte, bin ich trotz alledem einfach nur glücklich, dass es ihm gut geht, denn das ist alles was zählt…